Angekommen in der Gegenwart

RHEditorial Oktober 2021

Angekommen in der Gegenwart

Wenn wir an die zurückliegende Bundestagwahl denken, können wir sagen:
Die Wähler haben ein deutliches Signal an die Politik gesendet: Erneuert euch! Ändert etwas! So wie es ist, kann es nicht bleiben! Wir sind längst weiter, zieht endlich nach!

Dieses Signal gilt vor allem für die Verlierer der Wahl.

Die Christdemokraten werden sich wiederfinden und gleichzeitig neu entdecken müssen, wollen sie nicht weiter abstürzen wie andere Volksparteien in Europa. Die Partei erfährt gerade schmerzlich, was die Aufgabe bürgerlich-konservativer Werte und die Anpassung an den Mainstream für Folgen haben kann, wie dadurch Vertrauen verlorengeht, Vertrauen darin, dass man führen kann und nicht nur verwalten. Künftig sind Charakterköpfe gefragt, echte Persönlichkeiten, die nicht nur Parteigremien hinter sich bringen, sondern die Bürger mit Visionen für die Gestaltung der Zukunft begeistern.

Die Linke, Nachfolgeorganisation der SED und Machthaberpartei eines untergegangenen Unrechtsstaates ist es nicht gelungen, sozialistischer Politik in Deutschland ein menschliches Antlitz zu geben. Die Menschen misstrauen ihr, viele ahnen, dass nach Enteignung und Umverteilung die Bürger nicht mehr, sondern weniger haben werden, mit Ausnahme des Staates, seiner Angestellten und Günstlinge.

Die größte Wundertüte der Wahl ist sicher die SPD. Anfang des Jahres hätte niemand von uns dieser Partei einen Wahlsieg zugetraut. Tatsächlich aber hat ein smarter Charakter-Typ als Kanzlerkandidat die mit strenger Miene vorgetragenen Enteignungs- und Umverteilungsfantasien der Parteiführung nahezu vergessen gemacht. Es wird spannend, ob sie sich die Partei hinter einem Kanzler Olaf Scholz einreiht – und welche Kompromisse er dafür eingehen muss.

Die größte Verantwortung jedoch liegt in den nächsten Wochen bei den vermeintlich „kleinen“ Koalitionspartnern. Grün und Gelb, beide mit einem hohen Anteil von jungen Wählern, haben jetzt die historische Chance, in einer Ampel-Koalition Ökologie und Ökonomie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und damit für jenen Neustart zu sorgen, den die Regierungskoalition der vergangenen Jahre verpasst hat. Dieser Neustart sollte nicht im Sinne einer Verbots-, sondern einer Innovationskultur erfolgen, um das Land wieder wettbewerbs- und damit auch zukunftsfähig zu machen. Weder Grüne noch FDP werden dafür ihre Marken-DNA aufgeben wollen. Aber wenn es funktioniert, wird es ein echter Kompromiss, der das Land deutlich voranbringen kann.
In jedem Fall, der Herbst bleibt spannend in Deutschland.

Herzlich grüßt Sie

Ernst-M. Ehrenkönig
CEO/ Managing Partner