Das Wichtigste zuerst

RHEditorial Mai 2021

DAS WICHTIGSTE ZUERST

Mit meiner Familie habe ich neulich eine Rechnung aufgemacht. Wir wollten  wissen, wie viel Zeit wir mit Smartphone, Playstation, Instagram & Co. verbringen. Wir haben die letzten sieben Jahre hochgerechnet und durch Tages- (also Lebens-) Zeit geteilt: Keiner lag unter der beeindruckenden Zahl von einem Jahr. Ein Jahr am Stück online! Uns wurde bewusst, wie viel Zeit wir wirklich im Netz verbringen. Wir können uns jetzt die Frage stellen, was in dieser Zeit verloren geht, an Kreativität, Lebensenergie und Schöpferkraft. Und was wir dabei vielleicht noch verlieren.

Das ist bestimmt nicht die Welt, die ich wollte“, sagt Vinton Cerf. Der heute 78 Jahre alte US-Informatiker wird häufig als Vater des Internets bezeichnet. Er sagt: „Wir waren damals eine Truppe von Ingenieuren, die etwas ganz Neues ins Laufen bringen wollten. Niemand von uns wollte absichtlich etwas zerstören. Es ging von selbst kaputt.“

Am Anfang stand die Vision, allen Menschen das gesamte Wissen und alle Informationen über das World Wide Web zugänglich zu machen. Das kann nur ein Segen für die Demokratie sein. Dachten wir. Heute zeigt das Internet alle Facetten menschlichen Denkens und Handelns und damit oft auch eine andere Seite des Homo Sapiens. Abstruse Gedanken, Shit-Storms, Hypes und Kulturkampf finden Plattform und Anhänger und ziehen unsere Aufmerksamkeit fast magisch an. Big Tech entwickelt immer neue Spiele, versetzt Kinder und Jugendliche in Dauerabhängigkeit. Jede unserer Datenspuren wird genutzt, um uns noch besser kennenzulernen – um uns mehr verkaufen zu können. In den sozialen Netzwerken verstärkt sich Zensur, unliebsame Menschen und Meinungen werden gesperrt, die Betreiber steuern über Algorithmen zunehmend auch den konstruktiven Dialog nach ihren eigenen Regeln. Populisten und Feinde der Demokratie wittern Ihre Chance.

Whoever controls the media, controls the mind“, meinte der Doors-Sänger Jim Morrison, und damals gab es nur drei Fernsehprogramme in Deutschland.
Gewiss: Ein Zurück wird es nicht geben, technologischer Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Aber wir können Bewusstsein und Achtsamkeit für die beschriebene Entwicklung schaffen und damit unsere Aufmerksamkeit auch immer wieder offline halten und anderen Dingen zuwenden.

Der Unternehmer und Erfolgsautor Timothy Ferris (Die Vier-Stunden-Woche) empfiehlt regelmäßige Informationsdiät, also keine Zeitung, keine Nachrichten, keine unsinnigen Informationen. Und er empfiehlt Priorisierung, das heißt, zu erkennen, was wirklich wichtig und was unwichtig ist.
Dafür hilft eine besondere Frage an uns selbst:
Bin ich mit meinem Tag zufrieden, wenn DAS das Einzige wäre, was ich heute tun darf?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Mai!

Herzlich,

Ernst-M. Ehrenkönig
CEO/ Managing Partner