Lieder können Flügel verleihen

RHEditorial April 2021

LIEDER KÖNNEN FLÜGEL VERLEIHEN

Wenn am Samstagnachmittag der schwarze Mercedes losrollte, war es immer ein ganz besonderer Tag. Mit dem „Regierenden“ zum Hertha-Heimspiel ins Olympiastadion. Ich war als Kind mit dem Sohn von Klaus Schütz befreundet, von 1967 bis 1977 Regierender Bürgermeister von Berlin, ein mutiger Sozialdemokrat,
der einer geteilten Stadt viel Hoffnung gab.


Samstags aber war er Fußballfan.
Wir saßen hinten auf schwarzem Leder, freuten uns aufs Spiel und vorne erklärte Papa Schütz die Welt. Dabei hörte ich Redensarten und Lebensweisheiten und besonders erinnere ich mich an die eine:

„Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing“

Als Kind hatte ich nie ganz erfasst, was das genau bedeutet. Der Spruch stammt aus dem Mittelalter, wird einem Sänger zugeschrieben, der häufig seine untereinander verfeindeten Dienstherren wechselte und jedem das passend schmeichelnde Lied schrieb, nach dem Motto: Ich mache nichts, was dem Herrschenden missfallen könnte – solange es ordentlich bezahlt wird.

Warum mir dabei der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk einfällt ? Vielleicht, weil ich mich an das Interview  mit der Bundeskanzlerin in der Talkshow Anne Will erinnere. Und sagen wir so: Für die Antworten der Kanzlerin waren die richtigen Fragen vorbereitet. Was fehlte: Wohl das, was wir alle von Journalisten erwarten dürfen: Wirklich kritische und auch unbequeme Fragen, zähes Nachhaken, der erkennbare Wunsch, den Gesprächspartner zu selbstreflektiertem und ehrlichem Nachdenken zu bringen und damit Klarheit zu erreichen, dem Zuschauer oder Zuhörer
„die Dinge hinter den Dingen“ erkennbar zu machen.

Das scheint meist zu fehlen. Wir haben Talkshows, in denen es immer aufs Neue um nichts geht. Es wird geplauscht, mäandert und ein bisschen Streit inszeniert. Doch statt Mäandertaler-TV wären selbstbewusste, starke Medien, eine wuchtige vierte Gewalt, gerade jetzt in der Pandemie unentbehrlich. Auch, um die ewigen Worthülsen zu entlarven. „Wir müssen jetzt an einem Strang ziehen!“, heißt es aus den Ministerien.


Ja klar, aber wer ist „wir“? Was ist eigentlich euer Beitrag ?
Und wer bitte finanziert überhaupt den Strang, am Ende des Tages ?
Das wäre ein Ansatz.

Stattdessen spricht die Politik mit uns als seien wir ungezogene Kinder und verspielt damit tagtäglich das Vertrauen der Menschen. Während sich Kommunikation wandelt, während Kunden, Geschäftspartner offener miteinander umgehen, man sich auf Augenhöhe begegnet, sich transparent gibt, sagt, warum man etwas macht, seine Motivation erläutert, verharrt die Politik in der Abschottung.
Keiner erklärt wirklich das „Wofür“ und „Warum“.


Die Politik lässt sich für Unsummen von Externen beraten, wirklich kritische Geister, hat man den Eindruck, beraten hier kaum. Freiwillig gibt niemand Fehler zu oder zeigt die Bereitschaft, den eingeschlagenen Weg zu korrigieren.
Es wird gedroht und verboten - „musikalisch“ untermalt von braven Medien.

Apropos Musik: Statt entbehrlicher TV-Formate könnte man doch darbenden Musikern oder Sängern eine Bühne geben, sie könnten live performen,
uns Mut machen und inspirieren -  
und müssten dort nicht das Lied des Dienstherrn singen.

Ich wünsche Ihnen allen wunderbare Ostern !

Herzlich,

Ernst-M. Ehrenkönig
CEO/ Managing Partner